Beschreibung
Das Buch:
Wer in der Stadt das Sagen hat bietet eine prägnante und anschauliche Einführung in die Machtverhältnisse der griechischen Polis. Wie Mario Vegetti zeigt, fehlten im Athen des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. die drei großen Stützen, die Herrschaft andernorts absicherten: ein zentralisierter Staatsapparat, eine priesterliche Autorität und eine verbindliche kulturelle Tradition. Aus dieser Souveränitätskrise entstand ein einzigartiges Laboratorium der politischen Theorie, das fünf grundlegende Prinzipien der Machtlegitimation hervorbrachte: plethos (Mehrheit), nomos (Gesetz), kratos (Gewalt), arete (Tugend) und episteme (Kompetenz). In einer thematisch gegliederten Darstellung führt Vegetti durch die antike Debatte, an der Philosophen, Historiker, Dichter und Politiker beteiligt waren. Er vergleicht die griechischen Typologien mit den Herrschaftsmodellen Max Webers und Alexandre Kojèves und zeigt, inwiefern das begriffliche Instrumentarium der Antike auch für die heutige politische Reflexion noch maßgeblich ist.
Der Autor:
Mario Vegetti (1937–2018) war ein theoretisch versierter Gräzist und Philosophiehistoriker mit Schwerpunkt auf der antiken Philosophie. 1959 wurde er an der Universität Pavia mit einer Arbeit über Thukydides promoviert. An der selben Universität lehrte Vegetti von 1975 bis 2005 als Professor für Geschichte der antiken Philosophie. Sein besonderes Interesse galt dem Zusammenspiel von philosophischem und wissenschaftlichem Denken in der Antike, das er in seinem Werk Il coltello e lo stilo (1979) untersuchte.
Als anerkannter Platon-Experte veröffentlichte er eine umfassende siebenbändige kommentierte Ausgabe der Politeia (1998-2007). Weitere wichtige Arbeiten waren L‘etica degli antichi (1989), Quindici lezioni su Platone (2003) und Chi comanda nella città (2017), das hier als erstes seiner Werke in deutscher Übersetzung vorgestellt wird.
Zitat:
»In den Schutzflehenden des Euripides fragt der Herold von Theben den Athener Theseus, wer in seiner Stadt befehle (wörtlich: »wer ist der Herr (tyrannos) dieses Landes?«). Die Antwort des Theseus, Athen kenne keine Tyrannen und werde demokratisch vom Volk regiert, führt zu einer scharfen Debatte, in der der Herold die Gründe für die autokratische Monarchie vertritt und Theseus eben jene für die Demokratie. Die Stelle ist vielsagend.
Gewiss stellt sich in jeder hierarchisch geordneten sozialen Formation die Frage nach der Legitimation oder der Rechtfertigung für die Ausübung der Macht – als Gesamtheit der notwendigen Bedingungen dafür, dass ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen die Befehlsgewalt über die Gemeinschaft ausübt und Entscheidungen in ihrem Namen trifft. Aber es geschah in der griechischen Gesellschaft, dass sich die Frage zum ersten Mal und mit der größten Dringlichkeit stellte, so sehr, dass das griechische Denken ein Forschungslabor zum Thema der Macht darstellte, das fähig war, ein Spektrum von Lösungen auszuarbeiten und zu kritisieren, aus dem zu schöpfen die späteren Kulturen nie aufhören würden.«




