Vorwort von Patrice Maniglier · S. 13–20
Vorwort von Patrice Maniglier
Der Faschismus hat Konjunktur. An den Wahlurnen sowieso, aber auch auf den Buchumschlägen. Fast jede Woche kommt ein neuer Essay über den Faschismus in die Buchhandlungen. Einerseits ist das durchaus verständlich – wie sollte man nicht verstehen wollen, was uns in der unmittelbaren Gegenwart beunruhigt? Andererseits können wir den unangenehmen Eindruck haben, dass jede Katastrophe, die über uns hereinbricht, den Intellektuellen Gelegenheit gibt zu beweisen, dass die Produkte ihrer Tätigkeit nicht allein den Vorzug haben, ihnen und ihren Lesern unsagbare (und sehr legitime) Genüsse zu verschaffen, sondern zugleich auch von öffentlichem Nutzen sind.
Einer der vielen Vorzüge des Buches von Vladimir Safatle ist das Fehlen jeder Nachsicht gegenüber dem kritischen Denken – untrügliches Kennzeichen eines wirksamen kritischen Denkens. Im Kern dieses Werkes steht die Frage nach seiner eigenen Triftigkeit: Wozu eine Theorie des Faschismus? Nährt nicht gerade die Tatsache, dass man auf den Aufstieg des Faschismus mit noch mehr Theorie reagiert, den Faschismus? Müsste eine gute Theorie des Faschismus sich nicht mit dem Verhältnis befassen, das die Produzenten und Konsumenten von Theorie zu ihresgleichen (den Faschisten) unterhalten? Wer soll von wem erklärt werden? Wer soll von wem in Frage gestellt werden? Ist es der Nichtfaschist, der den Faschisten erklären soll? Oder ist es der Faschist, der den Nichtfaschisten auf dessen eigene problematische Dimension zurückverweist?
Im Licht dieser Fragen sind die scheinbar provokanten Thesen zu lesen, die dieses Buch aneinanderreiht. Ich nenne nur einige, um einen Vorgeschmack zu geben. Man soll nicht von Demokratien und Faschismen sprechen, sondern von ›eingeschränkten Faschismen‹ und ›verallgemeinerten Faschismen‹. Die Faschisten sind nicht durch ein offen zutage liegendes politisches Unbewusstes bestimmt, restlos von ihren Trieben beherrscht; sie sind im Gegenteil rationale Subjekte, die aus dem neoliberalen Axiom der Konkurrenz aller gegen alle in einer Welt vermeintlich knapper Ressourcen die logische Konsequenz gezogen haben – nämlich die, dass ein Teil der Mitmenschen beseitigt werden muss. Gibt es in der Politik überhaupt eine Halluzination, dann läge sie eher beim linken Denken, das nicht wahrhaben will, dass der heutige Kapitalismus mit den Mindestforderungen nach Gerechtigkeit, Solidarität und Gleichheit nicht vereinbar ist, und das sich auf der Grundlage dieser Verleugnung eine alternative Realität erfindet, die sich von der Erfahrung der Menschen immer weiter entfernt – eine psychische Realität, in der wir den Faschismus bekämpfen könnten, ohne unsere Existenz zu revolutionieren.
Mehr noch – und dies ist eine der bewundernswertesten Passagen des Buches –: Es hilft nichts, dem Faschismus vorzuwerfen, er verbreite Fake News und alternative Fakten, wenn wir nicht bemerken, dass gerade die Überschreitung der Anstandsnormen in der öffentlichen Debatte für viele Menschen als Beweis einer Bereitschaft zur Wahrheit gilt, die weniger im Inhalt der Aussagen läge als im Stil der Äußerung (ein wenig wie die Parrhesia, das Wahrsprechen, dem Foucault heute berühmte Untersuchungen gewidmet hat). Und weiter: Es geht nicht darum, den Neofaschismen unsere Auffassung von Freiheit und unsere Ansprüche auf individuelle Autonomie entgegenzuhalten, denn genau diese Auffassung von Freiheit und Autonomie ist es, die faschistisch macht … Die Liste ließe sich fortsetzen. Dies sind nur einige der paradoxen Thesen, auf die man in diesem Buch stößt.
Sollten Sie den Eindruck haben, dass in dieser Art, ein bestimmtes linkes Denken zu konterkarieren, etwas leicht Schematisches liegt, dann erinnern Sie sich an den Satz Rousseaus: »Lieber ein Mann der Paradoxe als ein Mann der Vorurteile.« Wenn es stimmt, dass die Wiederkehr des Faschismus ein für unsere Gegenwart konstitutives Ereignis ist, dann tun wir gut daran, uns so bald wie möglich von unseren Vorurteilen zu befreien, um diesem Ereignis in seiner Neuartigkeit zu begegnen – die umso schwerer zu fassen ist, als es sich auch um das Wiederauftauchen von etwas Strukturellem in der Moderne handelt, das wir noch immer schwer begreifen. Dafür ist das Buch von Vladimir Safatle ein unverzichtbares Abführmittel – oder besser: eine gelungene Staroperation.
Michel Foucault gab dem Text, den er als Vorwort zur amerikanischen Ausgabe von Deleuze und Guattaris Anti-Ödipus verfasste, den Titel »Einführung in das nicht-faschistische Leben« – in Anspielung auf die Anleitung zum frommen Leben des heiligen Franz von Sales. Wollte man klassische Titel parodieren, dann müsste der Untertitel dieses Buches wohl »das Buch der nichtfaschistischen Unruhe« heißen. Die Theorie dient hier nicht dazu, uns zu beruhigen, indem sie uns glauben macht, wir besäßen ein Wissen über das, was uns ängstigt. Safatle ist ein wenig wie Greta Thunberg auf der Rednertribüne der UNO: Dieses Buch ist nicht die x-te These über den Faschismus, sondern ein Schrei: I want you to panic. Ein Schrei, der umso eindringlicher ist, als er analytisch, argumentativ, ziseliert und gelehrt ist, in seinen Schlüssen unerbittlich und kalt wie die Wut.
Das ist umso bewundernswerter, als sein Autor bekanntlich ein weltweit anerkannter (wenn auch klar dissidenter) Vertreter der Tradition der Kritischen Theorie (im Sinne der Frankfurter Schule) ist. Nun ist ebenfalls bekannt, dass diese Strömung die glückliche Idee hatte, die Psychoanalyse zu mobilisieren, um den Marxismus zu vervollständigen: Da die Strukturen der Produktion nicht nur aus Erdöl, Stahl und Muskelkraft bestehen, sondern auch aus Überzeugungen, Emotionen und Wünschen, muss ein Sozialismus, der sich wissenschaftlich nennen will, der Gesellschaftstheorie eine Theorie der Subjektivitäten hinzufügen. Schon das könnte Anlass zur Beunruhigung (oder zur Belustigung) geben: dass die Notwendigkeit dieser ›Ergänzung‹ erst empfunden wurde, nachdem der Versuch, die Massen zur revolutionären Evidenz zu bekehren, gescheitert war – so als hätten wir, statt die ökonomische und politische Theorie selbst zu befragen, ihr eine psychologische Theorie hinzugefügt, um zu erklären, warum die Massen ihre Evidenz nicht erkennen. Was also verdunkelt den Proletariern die Sonne der Wahrheit, verroht wie sie sind in den Höhlen der Bergwerke und der Unwissenheit? Der unbezähmbare Trieb, natürlich! Die Kritische Theorie zeichnet sich – wie ihr Name ja auch anzeigt – durch ein theoretisches Plus aus: eben durch die Psychoanalyse, die ihr merkwürdigerweise zu mehr Objektivität verhilft. Doch wir wissen (gerade dank der Kritischen Theorie), dass Objektivieren und Beherrschen zusammengehören. Das Paradox liegt also auf der Hand: Wie kann man sich als Theoretiker der Emanzipation ausgeben, wenn man jene, die sich angeblich emanzipieren sollen, zu Marionetten einer libidinösen Maschinerie macht, deren Plan angeblich nur die Theoretiker besitzen?
Manchmal frage ich mich, ob Adorno in seinem berühmten Buch Studien zum autoritären Charakter nicht eine groß angelegte Parodie seiner selbst verfasst hat, deren Ironie die unvorsichtigen Leser nicht bemerkt hätten, wodurch sie den Autor selbst dazu zwangen, sie ernst zu nehmen. Denn was soll man von diesen statistischen Tabellen angeblicher Merkmale der autoritären Persönlichkeit halten, in Prozenten aufgeschlüsselt und miteinander korreliert? Die Methode erinnert durchaus an jene der Anthropologen, die den Abstand zwischen den Augenbrauenbögen mit der Polygamie zu korrelieren versuchten.
Ich übertreibe, gewiss – aber war es nicht Adorno selbst, der sagte, in der Psychoanalyse seien allein die Übertreibungen wahr? Vielleicht gilt das auch für die Erkenntnistheorie der Sozialwissenschaften … Im Übrigen ist die Übertreibung manchmal gar nicht so groß. Gleich im ersten Absatz seines Buches gesteht Adorno naiv: »[W]ir haben uns nicht mit Personen befaßt, die erklärtermaßen Faschisten waren oder bekannten faschistischen Organisationen angehörten«. Eine seltsame Soziologie, die sogleich zugibt, ihrem Gegenstand nie begegnet zu sein. Die Erklärung? Ganz einfach: »[D]er Faschismus [war] gerade im Kriege geschlagen worden.«1 Wäre die kritische Soziologie demnach eine Wissenschaft der Sieger? So betrachtet, versteht man, dass sich alle Besiegten der Geschichte mit den Faschisten identifizieren …
Safatle stellt sich jeder theoretischen Haltung entgegen, die den Faschismus von oben herab betrachten will. Er entwirft eine andere Weise, psychoanalytische Klinik und politisches Denken zu verbinden, die radikal mit jeder Pathologisierung des Faschismus bricht. Wenn es irgendwo eine Krankheit gibt, dann ist sie nicht bei den Faschisten zu suchen, sondern bei den normalen Menschen, also bei jenen, die sich den Zwängen der hegemonialen gesellschaftlichen Strukturen anpassen müssen, in denen sie leben. Wenn die Psychoanalyse für eine kritische Theorie des Faschismus tatsächlich nützlich ist, dann nicht, weil sie es erlaubt, das Verhalten unserer Gegner zu erklären, als wären sie Marionetten der Gesetze der Psyche, sondern weil wir mit ihr besser begreifen, was innerhalb der normalen Produktion unserer Subjektivitäten im neoliberalen Zeitalter den Faschismus zu einer wirksamen Lösung für die Widersprüche macht, in die wir verstrickt sind.
Doch die Adorno-Freunde können beruhigt sein: Safatle vertritt diese These nicht gegen den deutschen Philosophen – ganz im Gegenteil. In einer für die Finesse dieses Buches typischen Passage rettet er sogar den Begriff der autoritären Persönlichkeit: Er führt Lacan und Adorno zusammen, um zu behaupten, dass es die Idee der Persönlichkeit selbst ist, die autoritär ist. In der Tat ist dies das Problem: das Ich. Nicht der Trieb, sei es Eros oder Thanatos, perverse Sexualität oder Todestrieb, sondern das Ich. Es gibt keinen faschistischen Trieb, es gibt nur faschistische Ichs. Etwas an der vermeintlichen Kohärenz, die das Ich mit sich führt, ist unhaltbar. Je mehr also eine Gesellschaft auf das Ich setzt, um das soziale Band zu knüpfen (typischerweise, indem sie die Individualisierung zum wichtigsten Motor der gesellschaftlichen Integration macht), desto mehr läuft sie Gefahr, in faschistische Dynamiken zu geraten, die den Krieg zum Paradigma jeder Beziehung machen. Dies ist einer der Gründe, weshalb Liberalismus und Faschismus stets gemeinsam auftreten.
Doch damit rührt die Frage des Faschismus an einen besonders tiefen anthropologischen Knoten. Denn für Freud (man denke an Massenpsychologie und Ich-Analyse) ist das soziale Band grundlegend mit den Identifizierungen verknüpft: In ein und demselben Zug bilden wir Gesellschaft und werden wir wir selbst. Wäre es dann, von einem psychoanalytischen Standpunkt aus, möglich, soziale Bande zu denken, die nicht vollständig von der wechselseitigen Fabrikation der Ichs aufgesogen wären, das heißt vom Mechanismus der Idealisierung (der psychoanalytisch erhellt, was die Philosophen ›Anerkennung‹ nennen)? Das ist die Frage, der sich jede ruhelose Einführung in das nichtfaschistische Leben stellen muss.
Das vorliegende Buch bietet darauf allerdings keine fertige Antwort. Es begnügt sich damit, sie zu skizzieren: Sie ginge über den Aufbau von Weisen der Zirkulation des Begehrens, die ein soziales Band knüpfen, ohne den Weg über die Fabrikation von Personen, von eigenen Identitäten zu nehmen – eine ganze Pädagogik des subjektiven Kohärenz-Entzugs, die aus dem Nichtzusammenfallen mit sich die Triebfeder dessen macht, was uns gemeinsam handeln lässt. Wer mehr darüber wissen will, muss zu den bereits erschienenen oder noch kommenden Büchern des Autors greifen,2 seien es die über die Affekte, seien es die über die Ästhetik. Wichtig ist aber zu verstehen, dass dieses Buch sich in den Faden eines Werkes und eines Denkens einreiht, das im Aufbau begriffen ist, ehrgeizig und offen; und dass es sich seinerseits in gegenwärtige Überlegungen einfügt, die auf neuen Grundlagen erörtern, wie psychoanalytische Theorie und politisches Denken zu verbinden sind.3 Hier wären einige recht subtile Erörterungen nötig. Was uns betrifft, so vertreten wir, dass es tatsächlich möglich ist, soziale Bande zu knüpfen, die nicht von den persönlichen Identitäten aufgesogen werden, unter der Bedingung, dass man den Weg über das nimmt, was wir ein geteiltes Symptom nennen – ein Symptom, das Anlass zu einer Art sozialer Beziehung gibt, die wir sororal [~ schwesterlich] nennen. So stellen wir den libidinösen Dynamiken, für die die zeitgenössischen feministischen Bewegungen Beispiele bieten (wie #MeToo oder Ni Una Menos), jene gegenüber, die zur Refaschisierung unserer Gesellschaften führen. Sororität oder Barbarei – das wäre die Alternative. In unseren Augen fällt die Frage eines ruhelosen nicht-faschistischen Lebens mit dieser zusammen: Lässt sich eine Politik ohne Ideal denken?
Diese beiden Thesen sind nicht unvereinbar, auch wenn sie in gewissen Punkten voneinander abweichen. Doch hier ist nicht der Ort für diese Diskussion. Denn das letzte Verdienst dieses Buches besteht gerade darin, keine Lösungen vorzuschlagen. Es endet so, wie man enden muss: abrupt. In der Tat ist die Stunde des Schließens noch nicht gekommen. Wir stehen mitten in einer Frage, und das Beste, was wir (die wir sprechen und schreiben) tun können, ist, dabei zu helfen, ihre Koordinaten zu bestimmen – vor allem, damit die Menschen aufhören zu glauben, sie lasse sich vermeiden: Es wird keine ›Rückkehr zur Normalität‹ geben, die Ära der ›Globalisierung‹ liegt endgültig hinter uns. Entweder erfinden wir etwas Neues, um der faschistischen Herausforderung zu begegnen, oder die von ihr getragene Zerstörung wird die Antwort auf das Rätsel unserer Existenz auf dieser Erde sein.
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Patrice Maniglier ist Professor am Fachbereich Philosophie der Université Paris Ouest Nanterre, wo er Ästhetik und Philosophie lehrt. Sein Philosophiestudium an der École normale supérieure (Paris) schloss er 1993 ab. Bekannt wurde er vor allem durch seine Arbeiten zur strukturalen Philosophie, philosophischen Anthropologie, Ontologie und Ästhetik, in engem Austausch mit dem Werk von Claude Lévi-Strauss. Zu seinen Hauptwerken gehören La vie énigmatique des signes. Saussure et la naissance du structuralisme (Paris: Scheer, 2006), Le Vocabulaire de Lévi-Strauss (Paris: Ellipses, 2002) und Foucault va au cinéma (Montrouge: Bayard, 2011). Gegenwärtig ist er Mitherausgeber der Reihe MétaphysiqueS der Presses Universitaires de France.
- Theodor W. Adorno: Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987, S. 1. ↩
- Siehe die bio-/bibliographische Notiz auf den ersten Seiten dieses Bandes. ↩
- Zu diesem Feld ist der Verfasser des vorliegenden Vorworts durch ein gemeinsam mit seiner Mitstreiterin Silvia Lippi geschriebenes Buch gelangt: Silvia Lippi u. Patrice Maniglier: Sœurs. Pour une psychanalyse féministe, Paris: Éditions du Seuil, 2024. ↩







