Inhalt und Vorwort zur deutschen Ausgabe · S. 13–18
- Vorwort zur deutschen Ausgabe13
- Einführung21
- 1. Ödipus forever!39
- Eine mobile Montage42
- Der Mythos und die Struktur54
- Ödipus: Lösung oder Problem?62
- Schmach des Vaters67
- Das ›offene‹ Dreieck78
- 2. Die Maschine des Unbewussten85
- Das ökonomische Prinzip und der Trieb87
- Die Verdrängungen93
- 3. Angst: Zwischen Hilflosigkeit und Begehren113
- Angst und Verdrängung, was ist zuerst da?114
- »Hilflosigkeit«: Vom Trieb zur Abwesenheit des Anderen120
- Verschieben und beharren131
- 4. Die multiple Struktur der Triebe137
- Das Objekt und die Ursache141
- Eine gefährliche Sublimierung153
- 5. Die Wirbel des Lebens und des Todes157
- Die Schicksale des Traumas: Von der abwesenden Ursache zum Symptom162
- Niemals wird eine Theorie des Phantasmas das Trauma abschaffen168
- Die Wiederholung, der Tod, das Ich: Erhaltung oder Zerstörung?176
- 6. Kollektiverfindungen, Trieberfindungen193
- Unbehagen in der Repression197
- Der Wahnsinn ist nicht der Krieg198
- Psychoanalyse und Schizoanalyse: Das Unbewusste und/ist das Kollektive200
- 7. Die Übertragungsliebe: Von der Suggestion zum Begehren211
- Die Liebe und/ist die Suggestion212
- Antisymmetrische Liebe223
- 8. Freud non-binär?233
- Von der Kastration zum Trauma: Die sexuelle Differenz ohne den Phallus denken237
- Penis oder Phallus: Was markiert die sexuelle Differenz bei Freud und bei Lacan?239
- Die Sexuierung aus dem Ödipuskomplex herauslösen – ist das möglich?243
- Trans-Trieb245
- Schlussfolgerungen251
- Literaturverzeichnis261
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Eine erste Fassung dieses Buches ist am 23. September 2018 auf Italienisch erschienen,1 in der von Massimo Recalcati geleiteten Reihe »Eredi« (»Erben«) bei Feltrinelli.
Diese Niederschrift hat meinen Zugang zur Psychoanalyse verändert, und das erkenne ich umso deutlicher heute, nach all diesen Jahren. Erst nach dem Schreiben dieses Buches war es mir möglich, mich von der lacanianischen Orthodoxie zu lösen, die mein Denken bis dahin geprägt hatte. Freud wiederzuentdecken (nach Lacan) war für mich wie ein Aufatmen – und eine neue Weise, meine alltägliche Praxis zu überdenken. Meine Liebe zur Psychoanalyse und mein Vertrauen in sie sind noch stärker geworden und haben dazu beigetragen, meine ethische Position als Psychoanalytikerin zu erhellen.
Doch warum war die Rückkehr zu Freud für mich so belebend gewesen? Zunächst, weil ich erneut in seine Welt eintauchte – eine Welt, in der die Psychoanalyse noch gar nicht existierte. Mir wurde die Originalität und die Kraft des Denkens ihres Erfinders bewusst und vor allem sein Mut, als er versuchte, in der Welt einer konservativen, sexistischen und szientistischen Medizin Begriffe wie ›Unbewusstes‹, ›Trieb‹, ›Ödipus‹, ›Bisexualität‹ zur Geltung zu bringen und ihre klinische Relevanz nachzuweisen.
Ich nahm eine extreme Freiheit wahr in seinem rigorosen und aufrichtigen Fragen, das sich in einer zugleich literarischen und wissenschaftlichen Prosa äußerte. Freuds Schreibstil hat viele Leser:innen in seinen Bann gezogen und von Anfang an die Eigenart der Psychoanalyse geprägt – einer Disziplin, von der Freud wollte, dass sie wissenschaftlich sei, die aber ebenso von Mythen, Geschichtchen [historioles] und Phantasmen durchzogen war.
Mit Lacan hatte ich mich an die mathematischen Formeln gewöhnt, an die logischen Schemata und natürlich auch an die Neologismen, die Wortspiele und eine gewisse Schwierigkeit im Verständnis seiner Schriften und Seminare, die intellektuell stets stimulierend war. Mit Freud kehrte ich zur Klarheit des Ausdrucks zurück, zu einer wunderbaren Schlichtheit, die gleichwohl die Inhalte seiner Aussagen nicht vereinfachte, sondern sie im Gegenteil umso stärker zur Geltung brachte.
Es ist heute für mich offensichtlich, dass die Niederschrift des Freud-Buchsmeinen künftigen Schreibstil tiefgreifend beeinflusst hat, aber auch die Inhalte meiner Texte, und ich würde sogar sagen meine intellektuellen Interessen und natürlich meine klinische Praxis.
Es ist kein Zufall, dass ich nach der ersten Veröffentlichung ›meines‹ Freud die wissenschaftlichen Fachzeitschriften, in Frankreich wie in Italien, nahezu vollständig hinter mir gelassen und angefangen habe, für allgemein ausgerichtete Zeitschriften zu schreiben und Interviews für Zeitungen und Magazine zu geben. Vor allem aber waren meine Interessengebiete politischer geworden, und meine Psychoanalyse war stärker in zeitgenössische Fragen eingebunden: Sie entwickelte sich, wurde weniger orthodox, das heißt offener gegenüber dem, was sich außerhalb der engen psychoanalytischen Zirkel ereignete. Das feministische und das queere Denken haben meine neue postfreudianische Herangehensweise am nachhaltigsten geprägt. Und das kam nicht von ungefähr.
Die Psychoanalyse existiert, weil Freud, anders als die Ärzte seiner Zeit, sich entscheidet, den Frauen das Wort zu geben und sie sich frei äußern zu lassen. Ich verspürte also die Notwendigkeit, auch meinerseits diese der Psychoanalyse eigene Modalität in der Kur fortzuführen, die darin besteht, jene etwas ›abseitigen‹, bisweilen marginalisierten oder dissidenten Personen – dissident etwa in ihrem Geschlecht – ernst zu nehmen, die von der Mainstream-Psychoanalyse oft ›schlecht behandelt‹ werden. Es galt auch, denjenigen zu antworten, die meinen, die Psychoanalyse sei eine normative, bürgerliche Disziplin – eine Disziplin für Reiche.
Ich habe begriffen, dass für das Unbewusste zu streiten auch heißt, für die Anliegen der Minderheiten zu streiten, und umgekehrt. Und ich habe auch begriffen, dass man, um die Psychoanalyse wieder ins Zentrum der zeitgenössischen Kulturdebatte zu rücken, von einer im strengen Sinne minoritären Psychoanalyse ausgehen musste, wie Deleuze gesagt hätte, und dass man dafür mit Freud von neuem beginnen musste.
Nach der italienischen Veröffentlichung blieb ›mein‹ Freud sieben Jahre lang in der Schublade: Eine zweite Fassung erschien am 7. Oktober 2025 auf Französisch im Verlag Stilus. Ihr vorausgegangen war die Veröffentlichung von Sœurs, Pour une psychanalyse féministe (Éd. du Seuil, 2023) in Frankreich, einem gemeinsam mit dem Philosophen Patrice Maniglier verfassten Werk, das in Italien bereits erschienen ist (Sorellanze, Per una psicoanalisi femminista, Derive Approdi, 2024) und demnächst auf Englisch, Spanisch und Portugiesisch erscheinen wird. Dieses Buch hat, man muss es sagen, die zeitgenössische Psychoanalyse in Frankreich wie in Italien gehörig aufgerüttelt – obgleich es in einer rigoros freudianischen psychoanalytischen Linie konzipiert war.
Doch wie lässt sich ein klassisches Buch der Psychoanalyse, ein Buch über Freud, nach einem subversiven Buch wie Sœurs erneut herausbringen? Im Grunde war es einfach: Es galt, auf die revolutionären und aktuellen Aspekte des Freudschen Denkens zu insistieren und auf die Notwendigkeit, zu ihm zurückzukehren, um die Psychoanalyse neu zu beginnen.2Immer wieder und immer noch neu beginnen – mit Freud.
So sah ich mich für die französische Fassung des Buches veranlasst, eine große Zahl von Passagen umzuformulieren und sogar neue Kapitel hinzuzufügen, auch aufgrund unserer klinischen Praxis, die zunehmend von feministischen und LGBTQIA+-Anrufungen [interpellations] beansprucht wird.3 Und was ändert sich bei dieser neuen deutschen Ausgabe gegenüber den beiden anderen?
Es ist weder ganz die erste noch ganz die zweite, sondern eine Mischung der beiden alten Fassungen, also noch einmal eine andere Version gegenüber den beiden anderen. Dann gibt es die Frage der Sprache.
Ich schreibe in der Sprache meiner Psychoanalyse, das heißt auf Französisch. So wurde die erste Fassung des Buches, ungeachtet der geplanten Veröffentlichung in Italien, auf Französisch abgefasst: Obwohl ich das Buch selbst übersetzt habe, muss ich gestehen, dass mir das Schreiben in meiner Muttersprache, dem Italienischen, nicht allzu leichtfällt. Doch möchte ich hier betonen, dass ›mein‹ Freud zur Gänze in einem französischen Universum entstanden ist: Die Übersetzungen, die Lektüren und Relektüren, die Kommentare, der Austausch mit Kolleg:innen – alles geschah auf Französisch. Selbst dieses Vorwort zur deutschen Ausgabe wurde auf Französisch verfasst.
Über einen österreichischen Denker zu schreiben, dessen Muttersprache das Deutsche ist, unter dem Einfluss der französischen Sprache und Kultur, als italienische Frau, die ihre eigene Muttersprache nicht recht beherrscht – das kann nur etwas Unreines und Zügelloses ergeben, vermutlich der literarischen und moralischen Größe eines Denkers wie Sigmund Freud nicht würdig. Und nun, da diese franko-italienische sprachliche Unreinheit in Freuds Muttersprache zurückkehrt, also ins Deutsche – was wird geschehen? Wird der Text gereinigt oder noch weiter beschmutzt? Das ist eine Frage des Blickwinkels.
Man sollte wissen, dass das Buch auf Deutsch eine weitere Besonderheit birgt: Der Text wurde zur Gänze in geschlechtergerechter Sprache abgefasst, und ich bin nahezu sicher, dass es sich um das erste Buch über Freud handelt, das in einer experimentellen Sprache geschrieben wurde, derjenigen des geschlechtergerechten Schreibens: experimentell, wie es die Sprache des Unbewussten im Übrigen immer ist. Ich danke daher dem Übersetzer und dem tentare Verlag dafür, es versucht [tenté], ja gewagt zu haben, dieses Risiko einzugehen.
Das literarische Leben besteht auch aus solch ›schmutzigen‹ Vermischungen und Experimenten, und meine Annäherung an Freud und seine Psychoanalyse hätte sich von dieser besonderen Bedingung niemals loslösen können, die ich unumwunden als mein Symptom bezeichne.
Doch der Einfluss meines Symptoms ist hier noch nicht zu Ende. Ich schreibe zum Beispiel nie allein und lasse mich beim Schreiben stets mit Vergnügen von anderen beeinflussen. Immer. Diesmal wurde ich bei meiner Relektüre Freuds von Denker:innen begleitet, die ihrerseits maßgeblich von der Psychoanalyse und ihrem Erfinder geprägt waren: Jacques Lacan an erster Stelle, mit dem Freud in diesem Buch unablässig im Gespräch ist, aber auch Claude Lévi-Strauss, Gilles Deleuze, Félix Guattari, Alain Badiou, Judith Butler, Isabelle Stengers und Paul B. Preciado. Die Begriffe der Freudschen Psychoanalyse wurden hier auch dank ihrer Beiträge neu durchdacht, die es mir ermöglicht haben, einmal mehr die Kühnheit und die Aktualität des Freudschen Projekts vor Augen zu führen.
Trieb, Angst, Trauma, Symptom, Übertragung, Ödipus: Diese Begriffe begründen Freuds Theorie des Unbewussten, in der sich die sexuelle Bestimmung an das Phänomen der Sprache knüpft. Denn die Psychoanalyse wirkt durch die Sprache: talking cure,4 sagt Freud. Es ist eben diese ›doppelsinnige‹ [équivoque] Beziehung, die jede menschliche Erfahrung durchdringt und die im Symptom aufbricht; sie bildet den Kern jeder psychoanalytischen Kur – und den Sinn eines Lebens.
- Silvia Lippi: Sigmund Freud. La passione dell’ingovernabile, Mailand: Feltrinelli, 2018. ↩
- Silvia Lippi u. Patrice Maniglier: Sœurs. Pour une psychanalyse féministe, Paris: Éd. du Seuil, 2023. ↩
- Bekanntlich steht das Akronym LGBTQIA+ für Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Queer, Intersex, Asexual, Pansexuell, und das Zeichen »+« wurde hinzugefügt, um den nicht einschränkenden Charakter dieser Benennungen anzuzeigen, wobei das Ganze Personen oder Handlungen oder Organisationen versammelt, die sich solidarisch fühlen in der Erfahrung einer gewissen Konfrontation (erlitten oder freiwillig) mit einer Ordnung der Körper. Ich spreche hier von »Erfahrungen« oder »LGBTQIAP+-Praktiken«, um ein ganzes Kontinuum zu bezeichnen, das individuelle Personen ebenso wie Organisationen umfasst, Praktiken ebenso wie Identitätsgefühle, Formen ebenso wie Begriffe. ↩
- Sigmund Freud u. Josef Breuer: Studien über Hysterie, Frankfurt am Main: Fischer, 1990, S. 27. ↩







