Mehr ist mehr – Zur Einleitung · S. 15–24
Mehr ist mehr – Zur Einleitung
»Mehr ist mehr«, betitelte Claudia Bodin eine Reportage in der Kunstzeitschrift Art über Jeffrey Gibson, der 2024 auf der Biennale in Venedig als erster indigener Künstler den Pavillon der USA bespielte.1 Gibson hatte für die Weltkunstausstellung nicht nur das Innere des Gebäudes in knallbunte psychedelische Muster und Schriftzüge getaucht sowie monumentale schillernde Objekte aus Tausenden von bunten Perlen geschaffen; er gestaltete auch die gesamte Außenfassade, das Dach und den Vorplatz in leuchtenden Farben und platzierte vor dem Gebäude feuerrote begehbare Podeste und Pride-Fahnen. Ein laut durch die Räume hallender Techno-Beat eines Powwow-Videos steigerte dieses opulente Arrangement zu einem heiter-betörenden Remix aus Op-Art, Volkskunst und queerem Pop-All-Over.
Die öffentlichen Kommentare zu dieser Arbeit befassten sich allerdings weniger mit der Ästhetik und den Inhalten der Installation als vielmehr mit dem biografischen Hintergrund des Künstlers, also mit Gibsons queerer Identität und seiner Verankerung in den Traditionen der Cherokee und der Choctaw First Nations. Nebenbei wird in manchen Presseartikeln aber auch erwähnt, dass der Künstler keine der global operierenden Großgalerien im Hintergrund hatte, um diese Arbeit zu produzieren. Er habe von der »US-Regierung magere 375.000 Dollar« für die Umsetzung erhalten, heißt es in Bodins Beitrag.2 Die Gesamtkosten, so berichtete Jillian Steinhauer in der New York Times, beliefen sich jedoch auf 5,8 Millionen US-Dollar.3
Sollte damit unterstrichen werden, dass Gibson ein marginalisierter Künstler ist? Man darf hier einen Moment innehalten, denn die genannte Summe, die mit der größten Selbstverständlichkeit angeführt wird, ruft ins Bewusstsein, in welchen Dimensionen heute künstlerisch gearbeitet wird. Ein solch fulminanter Auftritt setzt einen mächtigen Produktionsapparat voraus. An Projekten wie diesen sind nicht nur Kurator:innen und Studioassistenzen beteiligt, sondern auch Scharen von Hintergrundkünstler:innen sowie verschiedenste Gewerke und Finanziers.
Bemerkenswert an der Berichterstattung ist, dass der Beitrag des amerikanischen Staates, der immerhin den Wert eines kleinen Einfamilienhauses hat, als »mager« bezeichnet wird und das Fehlen der Galerien, die sonst Millionen investieren, als Hinweis darauf verstanden wird, dass der Künstler vor seinem Auftritt in Venedig noch nicht wirklich als arriviert galt. Einige Presseberichte betonen, dass Gibson zwar unterstützt wurde von den beiden Kuratorinnen und einer Koalition aus Galerien und Philanthrop:innen, sich aber zudem auch noch selbst um das Fundraising kümmern musste, um die enormen Mittel einzuwerben. So wurde die Versteigerung einer limitierten Auflage von Kaschmirdecken bei Sotheby’s organisiert, um ein Team aus 40 Mitarbeiter:innen bezahlen zu können, die die Skulpturen aus unzähligen Perlen gewebt und die Malereien gefertigt hatten.4
Der Bard-College-Professor Gibson, der 2016 ein ehemaliges Schulgebäude in Hudson, New York, gekauft hat, um darin sein 1.300 qm großes Studio einzurichten, wird heutzutage offenbar nicht zu den Topverdienern gezählt.5 Zwar verfügt er schon seit einigen Jahren über ein festes Team mit einem Dutzend Mitarbeiter:innen und über die Räume, um Biennale-Beiträge und Museumsausstellungen vorzubereiten, hat aber keine der sogenannten Blue-Chip-Galerien im Hintergrund. Als ›neue Norm‹ für den Venedig-Auftritt gilt offenkundig ein Produktionsapparat, wie er Gibsons Kollegin Simone Leigh zur Verfügung stand, die die USA bei der Biennale-Ausgabe zwei Jahre zuvor vertreten hatte. Für Leighs Arbeit wurden Medienberichten zufolge von ihren Galerien um die 7 Millionen US-Dollar Produktionskosten bereitgestellt.6
Was bedeuten diese Entwicklungen der Biennale-Kunst? Was heißt es für die Rolle von Kunstschaffenden in der Gesellschaft und was für ihr Selbstverständnis? Welche Entwicklungen haben zu diesen Stilmerkmalen der Größe und Opulenz geführt und welche Folgen hat es, wenn nun auch Aktivist:innen – wie dies die documenta fifteen gezeigt hat – in diesen Größendimensionen arbeiten und diese Entwicklungen keineswegs nur auf den Globalen Norden beschränkt bleiben?
Mit diesen Fragen befasst sich der vorliegende Band. Er beleuchtet den künstlerischen Produktionsapparat, wie er sich in der Kunstwelt des 21. Jahrhunderts darstellt. Und er tut dies, indem er Einblicke in den Maschinenraum der Kunst gewährt und sich mit den Strukturen des ›Making-of‹ und den Arbeitsbedingungen befasst, unter denen die heutige ›Biennale-Kunst‹ entsteht. Dabei richtet sich der Fokus vor allem auf die Organisationsformen von Großstudios sowie die Tätigkeitsfelder von Studiomanager:innen, Kunstfabrikationsstätten und Hintergrundkünstler:innen, die an der Produktion jener großen Installationen beteiligt sind, die gegenwärtig die großen Museumsausstellungen und Kunstmessen bestücken. Damit geraten Akteur:innen und Prozesse in den Blick, die gewöhnlich nicht auf dem Aufmerksamkeitsradar auftauchen.
Auch wenn für alle Kunstinteressierten offenkundig ist, dass ein Großteil dessen, was in heutigen Gegenwartskunstausstellungen zu sehen ist, nicht von einer Person allein hergestellt werden konnte, ist diese Hinterbühne der Kunst nur selten erforscht worden.7 Dabei wird im Kunstfeld seit einigen Jahren immer lautstärker für bessere Arbeitsbedingungen, nachhaltige Produktion und faire Bezahlung demonstriert. 2022 standen die Künstlergewerkschaften sogar auf Platz drei der 100 einflussreichsten Player im Kunstfeld, die jedes Jahr von der britischen Kunstzeitschrift Art- Review ermittelt werden.8 Trotzdem stehen tiefergehende Untersuchungen des Produktionsapparats noch aus. Das Wissen über die Arbeit im Studio, die Zusammenarbeit von Künstler:innen mit kunstnahen Gewerken, Finanziers und Aufbaufirmen erschließt sich selbst angehenden Kurator:innen meist nur über ein ›Learning by Doing‹ oder über ein Hörensagen unter den Peers. Das ist in der Filmindustrie ganz anders. Hier gehört es zur Ausbildung an den Akademien, über die arbeitsteilige Industrie und ihre Akteure zu informieren. Die Kunstwissenschaftlerin Larne Abse Gogarty beschreibt in ihrem Buch What We Do Is Secret. Contemporary Art and the Antinomies of Conspiracy das Für und Wider und die politischen Implikationen der in der Kunst vorherrschenden Praxis, ein bestimmtes Wissen nicht öffentlich preiszugeben.9 Es ist daher wenig verwunderlich, dass in den Hochglanzmagazinen, den Feuilletons, aber auch in kunstwissenschaftlichen Untersuchungen wenig über die Herstellungsprozesse von Kunst gesprochen wird. Wenn dies überhaupt einmal der Fall ist, dann kommen meist nur die Stars selbst zu Wort und behalten die Deutungshoheit. Nur sie gelten als autorisierte Sprecher:innen. Die ›Unsichtbaren Hände‹, die an der Entstehung der Kunst beteiligt sind, treten hier kaum einmal in Erscheinung. Zwar war die Beschäftigung mit dem Produktionsapparat der Kunst schon häufiger Inhalt von institutionskritischen Kunstwerken, zu einer systematischen Analyse der Infrastrukturen der Kunstfabrikation führte dies gleichwohl kaum einmal. Herrscht also die Überzeugung vor, dass nurmehr der konzeptionelle, immaterielle Part als schöpferisch, kreativ und interessant zu gelten hat und Kunstwerke daher unabhängig von ihrer materiellen Produktion gedacht werden können? Die nachfolgenden Analysen kommen zu einem anderen Schluss. Sie zeigen, dass die Produktionsweisen stets den Kern dessen betreffen, was als Kunst gilt. Die Infrastrukturen und Arbeitsmuster sind dem jeweiligen Kunstbegriff nicht äußerlich, sie programmieren ihn und sie informieren darüber, was Künstler:innen heute können und wissen müssen.
Wie aber lassen sich die Produktionsweisen erforschen? Die Basis für das vorliegende Buch bildet zunächst die langjährige beobachtende Teilnahme im Kunstfeld als Kuratorin und Kunstwissenschaftlerin, mithin die Mitarbeit an zahlreichen Ausstellungsproduktionen sowie die Zusammenarbeit mit Künstler:innen und nicht zuletzt der Besuch von zahllosen Ausstellungen, Kunstmessen und Ateliers weltweit. Die Ergebnisse gehen aber auch auf eine Serie von systematisch angelegten Interviews und Studiobesuchen zurück, die ich gemeinsam mit der Soziologin Ursula Pasero über sechs Jahre hinweg durchgeführt habe.10 Dabei ging es uns darum, das Rollenverständnis derjenigen Künstler:innen und Kunstfabrikant:innen genauer zu verstehen, deren Studios zu mittelständischen Unternehmen angewachsen sind. Befragt haben wir in diesem Kontext mehr als zwei Dutzend Studiomanager:innen, Mitarbeiter:innen von Großstudios, Kurator:innen, Art-Fabricators, Jurist:innen, Sammler:innen und natürlich eine Reihe von prominenten Künstler:innen. Bei diesen gemeinsamen Erkundungen kam es nicht allein darauf an, Beobachtungen und Fakten zu den vorherrschenden Organisationsformen und Arbeitstechniken zu sammeln, sondern vielmehr darauf, die sozialen Muster, Codes und Semantiken der Selbstbeschreibungen der Beteiligten systematisch zu beleuchten.
Der Kunsttheoretiker Stevphen Shukaitis bezeichnet Künstler:innen als »subjectivities of struggle«, die zu einer Überidentifikation mit ihrer Tätigkeit und ihrer Rolle neigen.11 Auch bei Ursula Pasero und mir bedurfte es angesichts der Entdeckerfreude, die unsere Streifzüge antrieb, einer gewissen Anstrengung, um nicht die hinlänglich bekannten Heldengeschichten nachzuerzählen. Aber wir wollten uns umgekehrt auch davor hüten, investigative Hintergrundberichte zu liefern, die eher desavouierenden Charakter haben würden. Die Untersuchung des ›Making-of‹ – auch daran haben wir uns gegenseitig immer wieder erinnert – bringt dabei keine Eigentlichkeit ›der Kunst‹ zu Tage. Herausarbeiten lassen sich allein vorherrschende Grundannahmen, Praktiken und wirkmächtige Narrative, die konstitutiv sind für das jeweilige Kunstverständnis.
Das gemeinsam erarbeitete Material, das das Fundament der vorliegenden Studie bildet, wurde in der Folge von mir um weitere Case Studies sowie historische und kunsttheoretische Perspektiven erheblich erweitert. Dabei ging es darum, die festzustellende Managerialisierung der Kunstproduktion in all ihren Schattierungen zu begreifen. Im ersten Kapitel argumentiere ich dabei zunächst, dass der arbeitsteiligen durchprofessionalisierten Kunstproduktion nach wie vor etwas Illegitimes anhaftet. Der Blick in den Maschinenraum von Großstudios und in die Zulieferbetriebe, die die Werke ausführen, erweckt, wie ich beispielhaft zeige, gleichermaßen Bewunderung wie Abneigung, wird ebenso als faszinierend wie als desillusionierend empfunden. Um diese vielfach dokumentierten Reaktionen und ihre Verankerung im vorherrschenden Kunstverständnis geht es in diesem Kapitel, das zugleich die bestehende Forschung und laufenden Debatten umreißt und den Untersuchungsrahmen der Studie näher erörtert.
Das zweite Kapitel zeichnet die historischen Entwicklungen nach, die in den 1970er Jahren zur Monumentalisierung und zum zunehmenden Outsourcing künstlerischer Produktion geführt haben. Es beschreibt, wie die Konjunktur der Kunst im öffentlichen Raum, die Entstehung der Land Art und die Herausbildung von Environments als neuer Kunstgattung einen Wandel von Produktionsinfrastrukturen, ökonomischen Konstellationen und Akteur:innen hervorbrachten. Dabei wird deutlich, dass die wachsende Größe nicht allein eine Folge des expandierenden Kunstmarktes war. Vielmehr verdankt sich die XXL-Kunst zugleich auch Popularisierungs- und Demokratisierungstendenzen.
Das dritte Kapitel wendet sich dann explizit den sogenannten invisible hands und den großen Fabrikationsstätten zu, in denen Hintergrundkünstler:innen, ohne namentlich aufzutauchen, Werke herstellen für die Stars, die die Vorderbühne bespielen. Hier zeige ich zugleich auf, dass sich mittlerweile auch junge, aufstrebende Kunstschaffende dieser Fabricator-Infrastruktur bedienen. Dabei wird die weitverbreitete Vorstellung korrigiert, dass die invisible hands machtlos sind und als bloß Ausführende ein Schattendasein fristen. Auf der Basis von historischen Dokumenten, zahlreichen Werkstattbesuchen und Interviews, die ich in weiten Teilen gemeinsam mit Ursula Pasero durchgeführt habe, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Selbstbewusste, interdisziplinär arbeitende Firmen – die Art-Fabricators – entwickelten sich, von der Kunstgeschichtsschreibung weitgehend unbeachtet, bereits in den 1970er Jahren zu durchaus einflussreichen Akteuren im Kunstfeld. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass diese unterschiedlich großen Art-Fabricator-Firmen mit ihren variierenden Angebotsportfolios einen wesentlichen Anteil an den Steigerungszusammenhängen haben. Sie sind es, die die immer perfekteren Ausführungen und die Entwicklung eines immer stärker professionalisierten künstlerischen Produktionsapparats wesentlich mit vorantreiben. Das Spektrum der Fabricators reicht dabei von findigen Künstler:innen und Tüftler:innen, florierenden kleinen Betrieben, welche sich auf das Prototyping in allen möglichen Materialvarianten spezialisiert haben, über Produktionsmanager:innen großer weltweit operierender Spezialbetriebe, die gemeinsam mit Künstler:innen spektakuläre Großskulpturen für Shoppingmalls entwickeln, bis hin zu chinesischen Kleinstädten, in denen hunderte gut ausgebildete Maler:innen und Bildhauer:innen ihre Serviceleistungen anbieten. Auf dieser Hinterbühne agieren daher längst nicht mehr nur die altbekannten Bronzegießerfirmen und die Studioassistent:innen, sondern auch Modellbauer:innen, Videoproduzent:innen, Designer:innen, Projektentwickler:innen, Jurist:innen, Business-Angels, 3-D-Spezialist:innen und Blogger:innen. Sie alle kommen in diesem Kapitel zu Wort.
Das vierte Kapitel richtet den Blick auf den phantasmatisch aufgeladenen Ort individueller Kreativität schlechthin: das Studio. Hier wird dessen Geschichte seit dem Barock skizziert. Dabei illustrieren Atelierbilder, wie sich seit dem 19. Jahrhundert eine geradezu mythische Überhöhung des Studios als Ort geistiger und nicht-instrumentalisierbarer Arbeit einstellt. In der Folge zeige ich, wie sich auch die Künstler:innen des 21. Jahrhunderts an diesem ›politischen Imaginären‹ (Dave Beech) des Studios als ökonomisch nicht-instrumentalisierbarem Gegen-Ort abarbeiten; gerade auch dann, wenn die Künstler:innen längst großen GmbHs mit 40 Mitarbeiter:innen und mehr vorstehen.12
Mit dem fünften Kapitel beginnen die ausführlichen Fallstudien zu einzelnen Künstler:innen. Die Auswahl fiel dabei einerseits auf jene Stars der Kunstwelt, die seit vielen Jahren für ihre spektakulären Monumentalinstallationen bekannt sind. Sie bestimmte sich aber auch dadurch, dass meine Studie ein breites Spektrum unterschiedlicher Modelle der Studiopraxis vorstellen möchte.
Den Anfang der Fallstudien macht der Brite Damien Hirst, der immer wieder als punkiger, präpotenter Selbst-Investor auftritt. Hirst ist dafür bekannt, sein Studio fortwährend umzustrukturieren, auch weil er von der Art, wie er seine Heerscharen an Mitarbeiter:innen geführt hatte, zwischenzeitlich selbst angewidert war. Der Brite ist auch deshalb interessant, weil sich seine Tätigkeit nie auf die Arbeit im Studio beschränkt hat. Er wirkte bald auch als Kurator, Sammler, Museumsleiter und Immobilieninvestor, der von sich selbst sagt, er könne nicht malen. Dennoch zeigt sich Hirst auf seinem Instagram-Account zuletzt bevorzugt allein beim Malen in seinem großzügigen Studio. Auch diesem Widerspruch spürt das Kapitel nach.
Mit der Fallstudie zu Jeff Koons im sechsten Kapitel fasse ich einen Künstler ins Auge, der sich selbst gern als ›Business Man‹ gibt. Der US-Amerikaner hat neben seinem obsessiven Perfektionismus vor allem die großspurige Inszenierung seiner eigenen Bedeutsamkeit zu seinem Markenkern gemacht. Die Angestellten in seinem New Yorker Studio versteht er als ›Verlängerung seiner eigenen Hand‹. In seinem Fall besteht eine gewisse Ironie darin, dass der angebliche Businesskünstler sein Studio, seine Auftragnehmer und auch manche Galerie durch seinen Perfektionismus immer wieder an den Rand des Konkurses geführt hat. Für ihn kann es nie spektakulär genug sein. Im Verbund mit der Firma SpaceX schickte er im Frühjahr 2024 seine Kunst gar auf den Mond.
Mit Katharina Grosse stelle ich im siebten Kapitel eine Malerin vor, die – anders als die beiden Kollegen – immer selbst malt und ihr personell vergleichsweise bescheiden besetztes Studio nach ganz anderen Gesichtspunkten führt. Sie agiert eher wie eine postheroische Führungskraft, die in Kooperation mit anderen Kreativen aus dem Berliner Kreativökotop ihre Arbeit entwickelt. Für sie ermöglichte die Umstellung ihrer Maltechnik auf die Spritzpistole, in immer gewaltigeren Dimensionen zu arbeiten und die Lebensumgebung im großen Stil als Malgrund zu nutzen. Köch:innen, Künstler:innen und Haushälter:innen werden von ihr ähnlich wie in einem Filmabspann als Mittätige namentlich aufgeführt und die Kunst als Teamleistung deklariert. Wer dabei Autorschaft beanspruchen kann, steht indes außer Frage: Nur die Künstlerin selbst, denn sie ist es, die hier malt.
Der in Nigeria lebende Ghanaer El Anatsui hingegen arbeitet in einem ganz anderen Ökosystem. Ihn hat die Entdeckung eines neuen Arbeitsmaterials – gebrauchte Flaschendeckel – dazu gebracht, immer mehr Hilfskräfte einzustellen. Dabei spielte für ihn das Handgemachte eine zentrale Rolle, wenngleich die Ausführung durch andere erfolgt. Anatsui führt sein Studio inmitten der nigerianischen Recycling-Ökonomie der Provinzstadt Nsukka wie ein gut laufendes Handwerksunternehmen. Er tritt zugleich als traditioneller Künstler auf, der alle ästhetischen Entscheidungen selbst trifft, dabei aber den handwerklichen Stil der Helfer:innen als Material nutzt.
Der in Berlin arbeitende Isländer Olafur Eliasson, dem das neunte Kapitel gewidmet ist, zählt zu jenen interdisziplinär arbeitenden Künstlern, die ihre Kunst als Forschung verstanden wissen wollen. Sein Studio, das mittlerweile auf mehrere Standorte verteilt ist und um die 100 Mitarbeiter:innen umfasst, bezeichnet er als Labor. Selbst die Arbeit in der studioeigenen Kantine stellt er als Forschungsexperiment dar. Das Studio Olafur Eliasson verfügt über unterschiedliche Abteilungen (Publikation, Planung und Architektur, Finanzen und Personal) und organisiert die Arbeit in mehreren GmbHs. Darin ähnelt es längst einem Architektur- oder Designbüro. Zugleich setzt der Künstler seinen Arbeitsort als Forschungsplattform in Szene. Hier werden daher nicht nur Kunstobjekte hergestellt, Gäste zu Vorträgen eingeladen und Ideenarchive angelegt, vielmehr wird auch das Studioleben selbst designt. So wird das Studio zur einer Organisation, in welcher die Arbeit ganz vom Leben Besitz ergreift.
Diese Fallstudien zeigen, wie unterschiedlich das Rollen-, Organisations- und Arbeitsverständnis der Stars des Kunstbetriebs ausfällt. Sich als Künstler:in zu verstehen, bedeutet schon seit Jahrhunderten, stets auch ein eigenes Selbstverständnis als Produzent:in zu entwickeln, zu reflektieren und zu repräsentieren. Die gegenwärtigen sogenannten Blue-Chip-Artists, die auf dem Markt Höchstpreise erzielen, orientieren sich dabei allerdings an ganz anderen Arbeitsmodellen, Subjektformen und Ökonomien, als dies in den letzten Jahrhunderten der Fall gewesen ist. Ihr Organisationsverständnis ist geprägt von der Managerialisierung ihrer künstlerischen Arbeit. Sie greifen daher in Teilen auch auf Semantiken und Arbeitspraktiken zurück, wie sie im Bereich von Beratungsagenturen, Start-ups, Forschungslaboren und Planungsbüros zu finden sind. Zugleich aber bleibt bei allen Künstler:innen ein Ringen darum erkennbar, dennoch das ›politische Imaginäre‹ eines selbstbestimmten Künstlersubjekts aufrechtzuerhalten – eines Subjekts, das einer nicht-ökonomischen, nicht-instrumentellen Logik folgt und sein eigenes Ökosystem entwirft.
Das Schlusskapitel richtet noch einmal den Blick zurück auf das Kunstbetriebssystem als Ganzes und auf seine fortschreitende Professionalisierung. Die zentrale Beobachtung ist dabei, dass als Folge des managerial turns auch ethische wie ökologische Standards wichtiger werden. Damit einher geht zugleich eine Verrechtlichung des Feldes und eine Angleichung an die Arbeitspraxis in anderen Gesellschaftsbereichen. An die Stelle der verwegenen Bohème des 19. und 20. Jahrhunderts tritt nun immer häufiger eine instagramisierte Selbstrepräsentation kritisch-emanzipatorischer Arbeitsverhältnisse. Gewerkschaftliche Organisationen im Kunstfeld werden im 21. Jahrhundert als große revolutionäre Errungenschaft gefeiert. Zugleich jedoch führt eine fortdauernde Auseinandersetzung mit den eigenen Produktionsbedingungen und Selbstentwürfen dazu, die eigenen Ansprüche zu verfehlen, auch weil das Kunstfeld, zwischen Luxusgüterindustrie und Aktivismus schwankend, einem Zwang zur Selbstbestimmung und zur – oft narzisstischen – Selbstrepräsentation unterliegt und sich die Akteure in der Folge in ihrem Weltveränderungsdrang bisweilen selbst überschätzen. Hierin scheint die Kunstwelt symptomatisch für den Zeitgeist, in dem Soziolog:innen und Gesellschaftswissenschaftler:innen eine Dominanz der Kreativindustrien und der symbolischen Güter konstatieren und die disruptive Transformation der Arbeitswelt insgesamt feststellen, einer Arbeitswelt voller Widersprüche und hochgesteckter Ansprüche. Fällen von Massen-Burn-Out stehen Achtsamkeits- und Nachhaltigkeitsforderungen gegenüber.13 Dabei bleibt offen, ob Künstler:innen diesen gesamtgesellschaftlichen Wandel nur spiegeln, sich ihm widersetzen oder ihn gar vorantreiben.
- Claudia Bodin, »Mehr ist mehr«, in: Art. Das Kunstmagazin, Mai 2024, 40-44. ↩
- Ebd., 43. ↩
- Jillian Steinhauer, »Representing the U.S. and Critiquing It in a Psychedelic Rainbow«, in: New York Times, 13.04.2024, https://www. nytimes.com/2024/04/13/arts/design/jeffrey-gibson-venice-biennale. html. ↩
- Zachary Small, »To Star at the Venice Biennale, Artists Need Patrons’ Deep Pocket«, in: New York Times, 24.10.2023, https://www.nytimes. com/2023/10/24/arts/design/venice-biennale-funding-jeffrey-gibsonart.html. ↩
- Jillian Steinhauer, »Representing the U.S. and Critiquing It«; Taylor Dafoe, »Ten Years Ago, Artist Jeffrey Gibson Almost Quit the Art World in Frustration. Here’s How He Found the Strength to Keep Striving«, in: Artnet, 25.03.2020, news.artnet.com/art-world/jeffreygibson-interview-1814940. ↩
- Small, »To Star at the Venice Biennale«. ↩
- Analysen, die in eine solche Richtung gehen, konzentrieren sich auf die eher klassischen Gießereibetriebe (Franz Schultheis, Wir machen Kunst für Künstler, Bielefeld, Transcript, 2020), bestimmte Materialien (Michael Petry, The Art of Not Making, London, Thames & Hudson, 2011) oder theoretische Überlegungen zum Arbeitsbegriff im Kunstfeld (Danielle Child, Working Aesthetics. Labour, Art and Capitalism, London [u.a.], Bloomsbury, 2019). Besonders reich an Beispielen und kurzen Analysen ist der Band von Glenn Adamson und Julia Bryan-Wilson (Glenn Adamson, Julia Bryan-Wilson, Art in the Making. Artists and their Materials from Studio to Crowdsourcing, London, Thames & Hudson, 2016), der eine erste strukturierte Übersicht gibt. Weiterhin gibt es eine Reihe von Studien zu einzelnen Ateliers oder einzelnen Fabricator-Betrieben. ↩
- https://artreview.com/power-100?year=2022. ↩
- Larne Abse Gogarty, What We Do Is Secret. Contemporary Art and the Antinomies of Conspiracy, London, Sternberg Press, 2023. ↩
- Aus diesen gemeinsamen Streifzügen gingen einzelne wissenschaftliche Artikel hervor; etwa Karen van den Berg, Ursula Pasero, »Large-Scale Art Fabrication and the Currency of Attention«, in: Maria Lind, Olav Velthuis (Hg.), Contemporary Art and Its Commercial Markets. A Report on Current Conditions and Future Scenarios, Berlin, Sternberg Press, 2012, 153-181; Karen van den Berg, »Ungefährliche Experimente. Das Studio als Labor«, in: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, 2012, 57, 307-320. ↩
- Stevphen Shukaitis, The Composition of the Movements to Come, London/New York, Rowman & Littlefield, 2016, XII u. XVII. ↩
- Dave Beech, Art and Postcapitalism. Aesthetic Labour, Automation and Value Production, London, Pluto Press, 2019, 45. ↩
- Vgl. Antonio Negri, Art and Multitude. Nine Letters on Art, followed by Metamorphoses. Art and Immaterial Labour, Cambridge [u.a.], Polity Press, 2011; Luc Boltanski, Arnaud Esquerre, Bereicherung. Eine Kritik der Ware, Berlin, Suhrkamp, 2018; Andreas Reckwitz, Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin, Suhrkamp, 2019. ↩







