Inhalt und Vorwort · S. 9–10
- Vorwort9
- Ein griechisches Problem13
- Plethos, oder von der Menge25
- Nomos, oder vom Gesetz45
- Kratos, oder von der Gewalt65
- Arete, oder von der hyperbolischen Tugend81
- Episteme, oder von der Wissenschaft95
- Rivalisierende Anthropologien111
- Stellenregister119
Vorwort
Es gibt mehrere Dinge, die der Leser auf diesen Seiten nicht finden wird. Er wird keinen analytischen Kommentar zu den antiken Texten finden, der sich an den Absichten des Autors und der Ordnung der Argumentationen orientiert – eine unverzichtbare Arbeit, die jedoch an anderer Stelle geleistet werden muss. Ebenso wenig wird er eine Geschichte der politischen Ideen finden, die nach der chronologischen Abfolge von Autoren und Texten entwickelt ist und für die auf ausgezeichnete Nachschlagewerke verwiesen werden kann.1 Folglich wird er auch keine organische Fachbibliographie finden: Die Hinweise in den Anmerkungen sind Lesevorschläge ohne systematischen Anspruch.
Ich habe mir stattdessen vorgenommen, den Leser zu einer Art Führung durch eines der außerordentlichsten Laboratorien politischen Denkens in der abendländischen Geschichte einzuladen, das im Athen des Jahrhunderts von ungefähr 430 bis 330 v. Chr. in Betrieb war. Anhand der Ideen und Texte, die in diesem Laboratorium nach und nach entstanden sind, wird eine vielstimmige Debatte in Szene gesetzt, an der Philosophen, Historiker, Dichter und Politiker beteiligt sind und die sich um die entscheidende Frage dreht, was Macht ist und wie sie legitimiert oder gerechtfertigt werden kann. In der hier gebotenen Darstellung gliedert sich diese Debatte um fünf thematische Hauptachsen (die Mehrheit, das Gesetz, die Gewalt, die Tugend, das Wissen), die sich, was selbstverständlich ist, miteinander verflechten und wechselseitig aufeinander einwirken. Für den politologischen gesunden Menschenverstand hält die Auseinandersetzung mit den in diesem Laboratorium hervorgebrachten politischen Ideen manche Überraschung bereit: Selbst ein so vertrauenerweckendes Regime wie die Mehrheitsdemokratie wird radikal in Frage gestellt, und andererseits findet eine verabscheuungswürdige Macht wie die der Tyrannis bisweilen bedeutende Zustimmung. Zugleich können altbekannte Texte eine für die historiographische Vulgata unerwartete Bedeutung und Tragweite erlangen.
Ich habe jedoch keineswegs beabsichtigt zu zeigen, wer Recht hat und wer Unrecht, oder wer gewinnt und wer verliert. Die Aspekte, die wirklich von Interesse sind, sind die theoretische Kraft, die intellektuelle Unvoreingenommenheit und die Radikalität des Ansatzes, die die hier neu betrachtete Diskussion kennzeichnen. Wir finden darin zum einen ein unübertroffenes Modell dafür, wie politische Reflexion den Problemen auf den Grund gehen kann – vielleicht nicht um sie zu lösen, sondern um sie wenigstens in ihren Voraussetzungen und Implikationen klarer zu machen; zum anderen ein begriffliches Instrumentarium, das zwar einer fernen Welt angehört, das aber vielleicht seine Fähigkeit nicht völlig erschöpft hat, Anregungen und Perspektiven zu bieten, die zu ignorieren auch heute noch falsch wäre.
- Ein hervorragendes Beispiel ist der Band von Silvia Gastaldi: Introduzione alla storia del pensiero politico antico, Roma: Laterza, 2008. ↩







