Vorwort · S. 13–15
Vorwort
»Ich erhebe nicht den Anspruch, die beste Philosophie gefunden zu haben, sondern weiß, daß ich die wahre begreife. (...) Denn das Wahre ist der Prüfstein seiner selbst und des Falschen.«
Spinoza, Brief LXXVI an Albert Burgh
»Er war ein Mann, der den Gewissenszwang verabscheute, und ein großer Feind der Verstellung.«
Pierre Bayle, Artikel »Spinoza« aus dem Dictionaire historique et critique
Spinoza und die Politik: Was für ein Widerspruch liegt, auf den ersten Blick, in dieser einfachen Formulierung! Wenn Politik die Ordnung der Geschichte ist, dann haben wir es hier mit einem Philosophen zu tun, dessen gesamtes System sich als die Entwicklung der Idee darstellt, dass Erkennen nichts anderes heißt, als Gott zu erkennen, und dass »Gott die Natur« selbst ist. Wenn die Politik eine Sache der Leidenschaft ist, dann ist hier ein Philosoph, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Wünsche und Handlungen der Menschen »nach der Art der Geometer« zu begreifen (intelligere), »als ginge es um Linien, Flächen oder Körper« (Ethik, Vorwort zum dritten Teil [S. 221]). Wenn die Politik in der Gegenwart Partei ergreift, so ist dies ein Philosoph, für den die Weisheit und das höchste Gut darin bestehen, alle Einzeldinge »unter einem Aspekt von Ewigkeit« (sub aeternitatis specie) zu betrachten (Ethik, V. Teil [S. 565]). Was könnte er uns über Politik sagen, das nicht reine Spekulation wäre?
Er selbst sah in der Verbindung von Verstand und Überzeugung, von Begriff und Praxis allerdings keinerlei Widerspruch, ganz im Gegenteil. Zu Beginn seines Politischen Traktats und unter Verwendung derselben Ausdrücke nimmt er sich vor, »lediglich das, was mit der Praxis am vorzüglichsten übereinstimmt, auf sichere und zweifelsfreie Weise zu beweisen«, indem er es »aus der Verfaßtheit der menschlichen Natur, wie sie tatsächlich ist«, ableitet, »mit derselben Unbefangenheit, mit der wir es bei der Mathematik zu tun pflegen« [TP, 9 f.]. Hierfür kommt es darauf an, die menschlichen Handlungen »nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen« [TP, 11]), sondern sie durch ihre notwendigen Ursachen zu erkennen (intelligere). Und das erste seiner großen Werke der Reifezeit – der Theologisch-politische Traktat – war eine Kampfschrift gewesen, ein philosophisches und politisches Manifest, in dem es im Übrigen nicht schwerfiele, gewisse Untertöne von Ironie oder Besorgnis, wenn nicht gar Verurteilung zu finden. Allerdings glaubte mancher aufmerksame Leser daraus schließen zu können, dass Spinoza unfähig gewesen sei, seinen Absichten treu zu bleiben, oder dass der erklärte Vorrang des Begriffs in Wirklichkeit eine Maske für allzu menschliche Leidenschaften gewesen sei...
In diesem kleinen Buch greife ich diese klassische Schwierigkeit auf, um ein Experiment vorzuschlagen: in die Philosophie Spinozas einzuführen, ausgehend von den Problemen seiner Politik, auf der Suche nach der Einheit dieser Probleme. Diese Einführung ist angelegt als ein Pfad von Lektüren und Diskussionen, der durch die drei gerade erwähnten Hauptwerke führt.







