
Schriften zur Ästhetik
Kleist hat keine Poetik geschrieben. Was er über Kunst dachte, steht in Briefen, in Zeitungsartikeln, in Anekdoten und Epigrammen: in Texten, die er zwischen Tür und Angel schrieb, für die Berliner Abendblätter, für den Phöbus, für Schwester, Braut und Freunde. Zusammen ergeben sie eine Ästhetik, die ihresgleichen sucht. Sie handelt vom Reden, das die Gedanken erst hervorbringt, von der Grazie der Marionette, die kein Bewusstsein hat, von einem Bild, vor dem man steht, als wären einem die Augenlider weggeschnitten, und von einer Sprache, die »die Seele nicht malen« kann.
Dieser Band versammelt 93 Texte aus den Jahren 1800 bis 1811 und ordnet sie nach Themen: Denken und Schreiben, Erziehung und Bewusstsein, Geschichte und Malerei, Erzählen und Wahrscheinlichkeit, Theater, Literatur und Musik, die beiden Zeitschriften, Epigramme. Neben den berühmten Aufsätzen »Über das Marionettentheater« und »Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden« stehen die Theaterpolemiken gegen Iffland, der Briefwechsel mit Goethe, die Ankündigungen und Erklärungen des Zeitungsmachers Kleist und die Briefe, in denen er über sein eigenes Scheitern Rechenschaft ablegt. Ein Vorspiel in Briefen führt in die Jahre der Kant-Krise, als Kleist die Wissenschaft aufgab und beschloss, Dichter zu werden.
Heinrich von Kleist (1777–1811) wurde in Frankfurt an der Oder in eine preußische Offiziersfamilie geboren. Mit fünfzehn wurde er Soldat, nahm 1799 den Abschied und begann ein Studium, das er nach der Kant-Krise von 1801 abbrach. Es folgten Jahre des Reisens und Scheiterns: In Paris und in der Schweiz arbeitete er an dem Trauerspiel Robert Guiskard, dessen Manuskript er 1803 verbrannte. 1808 gab er mit Adam Müller in Dresden die Zeitschrift Phöbus heraus, 1810/11 in Berlin die Berliner Abendblätter, die erste Tageszeitung der Stadt. Seine Dramen – Der zerbrochne Krug, Penthesilea, Das Käthchen von Heilbronn, Prinz Friedrich von Homburg – und Erzählungen wie Michael Kohlhaas oder Die Marquise von O… fanden zu Lebzeiten kaum Anerkennung. Am 21. November 1811 nahm sich Kleist am Kleinen Wannsee bei Berlin das Leben.
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