Beschreibung
»Der entfesselte Joker. Die dunkle Seite der Komik«
Seit mehr als einem halben Jahrhundert betrachten wir Unterhaltung, Komik und Humor als Instrumente gesellschaftlicher Befriedung. 1985 verkündete eine Streitschrift des amerikanischen Kritikers Neil Postman, Amusing Ourselves to Death, dass wir dank der Droge des Kommerzfernsehens mittlerweile in eine heitere und verblödete »schöne neue Welt« eingetreten seien, wie sie der Schriftsteller Aldous Huxley prophezeit hatte. Doch dann geschah etwas Unvorhergesehenes. Unsere Gesellschaft ist weiterhin eine Gesellschaft der Unterhaltung, aber die Komik ist nicht mehr nur ein harmloses Lachgas: Sie ist zur Waffe geworden, mit der politische Duelle auf Leben und Tod und äußerst erbitterte Kulturkämpfe ausgefochten werden. Ein zynischer und sarkastischer Humor hat sich des öffentlichen Diskurses bemächtigt. König und Narr tauschen fortwährend ihre Plätze: Politische Führer legen sich einen Stand-up-Comedy-Stil zu, und Komiker schlagen unerwartete politische Laufbahnen ein. Ein Flügel der amerikanischen Linken hat einen moralisierenden war on jokes entfacht, und die Komik wandert nach rechts ab. Aus den Niederungen des Netzes ist die troll culture hervorgegangen, mit ihrem nihilistischen und subtil soziopathischen Sarkasmus; in der triumphalen Rückkehr Donald Trumps – nicht zufällig von der amerikanischen Presse als Troll-in-Chief getauft – ins Weiße Haus hat sie einen enthusiastischen Widerhall gefunden.
Guido Vitiello versucht, diesen permanenten Karneval zu entschlüsseln, indem er einige entscheidende Stationen in der Sozialgeschichte des Humors noch einmal neu besichtigt. Als Führer durch diese höhnisch grinsende Hölle dient ihm die Figur des Joker, des Antihelden der Batman-Saga, dessen aufeinanderfolgende Metamorphosen seit den vierziger Jahren die verschiedenen Phasen unseres Verhältnisses zur »dunklen Seite der Farce« und zum unausweichlichen Zusammenhang zwischen Komik und Gewalt widergespiegelt haben. In seinen jüngsten Verkörperungen, von Christopher Nolans The Dark Knight bis zu Todd Phillips’ Joker, hat der Superschurke die auf unheilvolle Weise konvergierenden Züge des Terroristen und des Stand-up-Comedians angenommen. Nachdem er nach Jahrzehnten aus dem goldenen Käfig der Fernsehhegemonie – einschläfernd, aber universalistisch – entkommen ist, hat er sich unter die identitären Banden der sozialen Netzwerke gemischt, die einander mit Lachsalven zerfleischen.





