Beschreibung
In diesem Buch verteidigt Vladimir Safatle die These, dass den liberalen Gesellschaften ein struktureller Faschismus eigen ist, der in Zeiten simultaner Krisen – wie wir sie zur Zeit erleben – mit voller Wucht hervorbricht. Die extreme Rechte hat begriffen, dass sich diese Krisen des kapitalistischen Systems nicht mehr steuern lassen, und geht das Problem pragmatisch an: »Es gibt keine Gesellschaft für alle«; nur ein Teil der Menschen wird ein menschenwürdiges Leben führen können. Deshalb fordert sie, die Grenzen zu schließen, Migranten abzuschieben, das Leben der Ärmsten noch weiter zu prekarisieren, sie polizeilicher Gewalt und Ausplünderung auszusetzen und sie von jedem gemeinsamen Gesellschaftsentwurf auszuschließen.
Die Originalität der Analyse liegt jedoch darin, den zeitgenössischen Faschismus ausgehend von einer internen Kritik an den traditionellen Formen der Annäherung an das Thema zu untersuchen. Anders als manche Denker des progressiven Lagers behaupten, beruht der heutige Faschismus dem Autor zufolge nicht auf Irrationalität oder entfesselten Impulsen, sondern auf Subjekten, die die neoliberale Logik der allgemeinen Konkurrenz konsequent zu Ende denken – vor einem gesellschaftlichen Horizont, der einem weltweiten Bürgerkrieg immer ähnlicher wird. So katastrophal es ist: Wir müssen das rationale Kalkül begreifen, das ganze Bevölkerungen dazu bringt, sich für den Faschismus zu entscheiden.
Der Fokus der Analyse richtet sich auf die Bedingungen, unter denen sich Subjektivitäten in der neoliberalen Gesellschaft bilden. Der Autor vertritt die These, dass der Faschismus eine Antwort darstellt, die dramatisch genau zu den Widersprüchen dieser Subjektivierungsformen passt, und er schlägt vor, das Problem nicht in angeblichen individuellen ›Pathologien‹ zu suchen, sondern in jener gesellschaftlichen Normalität, die ich-zentrierte Identifikationsformen hervorbringt. Gestützt auf Lektüren von Freud, Lacan und Adorno hält Safatle fest, dass die Zentralität der individuellen Identität Bedingungen schafft, die den faschistischen Dynamiken günstig sind – wodurch sich eine strukturelle Verbindung zwischen Liberalismus, Kolonialismus und Faschismus herstellt, die wir oft lieber ignorieren. Man muss den Faschismus als eine spezifische Form der Gewalt begreifen, die die Gesellschaft ausgehend von einer Mutation der gesellschaftlichen Affekte neu errichtet und dabei Dynamiken der Desensibilisierung und der Gleichgültigkeit verallgemeinert. Dagegen wird mehr nötig sein als das, was wir bisher getan haben.







