
Nebenflüsse
Beto Domínguez Ramos wurde im Sommer 2026 von den Zapatistas aufgefordert, beim Zusammentreffen der »Künste in Bedrängnis« in Mexiko von jener Erfahrung zu berichten, die mit der Filmvorführung beginnt.
Am 1. Januar 1994 erhob sich eine bewaffnete Armee aus Menschen ohne Namen und ohne Gesicht; der Aufstand brach Berge und Wälder auf und brachte neue Quellen zum Sprudeln. Viele griffen zur Kamera, nicht aus Berufung, sondern weil es notwendig war, Missstände anzuprangern, zu dokumentieren und das zu durchbrechen, was wir Informationsblockade nannten.
Im Laufe der Jahre wurden aus diesen Quellen Bäche und aus den Bächen Flüsse, und jeder grub sich sein eigenes Bett. Aus Videoaktivist:innen wurden Filmemacher:innen, aus der dringlichen Dokumentation das geduldige Handwerk des Erzählens. Während die einen Filme machten und Film unterrichteten, führten wir anderen sie vor und brachten sie in Dörfer und Städte im ganzen Land.
Wir mussten erst lernen, dass es darum geht, zuzuhören und Geschichten zusammentreffen zu lassen. Kino besteht nicht nur aus den Geschichten, die in den Filmen erzählt werden, sondern auch aus jenen, die erst erzählt werden, wenn der Projektor abgeschaltet ist. Die Filme sind uns wichtig, aber das Wichtigste ist der Dialog nach dem Kino.
Mit einem Gespräch mit Beto Domínguez Ramos, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Tom Waibel.
*Tom Waibel* betätigt sich als Autor und Übersetzer an der Schnittstelle von politischer Theorie und künstlerischer Praxis. Er war etliche Jahre mit Kinokis Wanderkino in den Bergen und Regenwäldern Mittelamerikas unterwegs.



