Beschreibung
Das Buch:
Im Zentrum von Silvia Lippis Buch steht der Trieb: jene von Freud entdeckte, ›unregierbare‹ Kraft, die sich keinem Gesetz fügt und die dem Begehren seine ganze Unbestimmtheit und Wandelbarkeit verleiht.
Angst, Trauma, Wiederholung, Übertragung: Die zentralen Begriffe der Psychoanalyse werden im Licht der Triebtheorie neu gelesen, im Gespräch mit Lacan, Deleuze, Badiou, Butler und Preciado. Auf diese Weise zeigt sich ein überraschend aktueller Freud: einer, der die Instabilität und den ›partialen‹ Charakter von Sexualobjekt und Geschlechtsidentität deutlich erkannt hat und dessen Denken sich daher mit feministischen, queeren und nichtbinären Perspektiven verbinden lässt, ohne ihm Gewalt anzutun.
Die Autorin:
Silvia Lippi ist Psychoanalytikerin und klinische Psychologin am Établissement Public de Santé Barthélémy Durand in Étampes. Sie hat Philosophie studiert, wurde in Psychologie promoviert und ist assoziierte Forscherin an der Université Paris-Nanterre.
Sie ist Autorin von Freud l’ingouvernable (Stilus, 2025), Sœurs. Pour une psychanalyse féministe (Seuil, 2023, mit Patrice Maniglier), Rythme et mélancolie (Érès, 2019), Freud. La passione dell’ingovernabile (Feltrinelli, Mailand, 2018), La décision du désir (Érès, 2013, ausgezeichnet mit dem Prix Œdipe le Salon 2014) sowie Transgressions. Bataille, Lacan (Érès, 2008). Gemeinsam mit anderen hat sie den Sammelband Marx, Lacan: l’acte révolutionnaire, l’acte analytique (Érès, 2013) herausgegeben. In ihren Artikeln und Büchern entwickelt sie eine Psychoanalyse, die den Erfahrungen psychotischer Menschen und den Anliegen zeitgenössischer Minderheiten besondere Aufmerksamkeit widmet.
Zitate:
»Es galt auch, denjenigen zu antworten, die die Psychoanalyse für eine normative, bürgerliche Disziplin für Reiche halten. Mir wurde klar, dass das Eintreten für das Unbewusste zugleich bedeutete, für die Anliegen der Minderheiten einzutreten – und umgekehrt. Und mir wurde auch klar: Wenn man die Psychoanalyse wieder ins Zentrum der zeitgenössischen Kulturdebatte rücken wollte, musste man von einer strikt minoritären Psychoanalyse ausgehen, wie Deleuze gesagt hätte, und dafür musste man wieder bei Freud anfangen.«
»Durch die Analyse eines Traums wird Freud der Grenzen der ödipalen Interpretation gewahr, denn es gibt ein Begehren, das Trieb heißt und das nicht von den Familiengeschichten des Subjekts bestimmt wird. Es ist vor allem diese Weise, das Begehren zu denken, die wir in diesem Werk vertiefen werden, denn wir sind der Überzeugung, dass der Triebbegriff es uns ermöglicht, die Psychoanalyse ins 21. Jahrhundert zu überführen: Der Trieb verknüpft die Frage des Unbewussten unauflöslich mit der Problematik des Körpers und öffnet das Begehren dank seiner grundlegend ›perversen‹ Beschaffenheit – das heißt seiner Nicht-Ausrichtung auf die Fortpflanzung – der Unbestimmtheit und der Verwandlung. Wenn Freud etwas entdeckt, dann dies: dass Sexualobjekt und Geschlechtsidentität zwangsläufig instabil und wandelbar sind, und vor allem, dass die Genitalität weder das Zentrum noch das Ziel des Sexualtriebs ist.«
»Heutzutage kann die phallische Funktion nicht mehr als ein universelles Gesetz betrachtet werden, als ein obligatorischer Durchgang, um die eigene Sexuierung in Abhängigkeit von einer Modalität des Genießens zu ›wählen‹. Und warum sollte man sich nicht von der Vorstellung lösen können, dass man, um zu genießen, notwendigerweise über das phallische Genießen gehen muss, vollständig (die Männer) oder partiell (die Frauen)? Wenn man etwa an das Genießen des Symptoms denkt, hat man nicht zwangsläufig eine männliche oder weibliche Modalität des Genießens vor Augen – woraus sich unsere Hypothese ergibt: Was, wenn das Geschlecht letztlich eine besondere Modalität des Symptoms wäre, das heißt eine mehr oder weniger erfinderische ›Bearbeitung‹ des eigenen unsubjektivierbaren Traumas?«
»Wie also lassen sich Begehren und Sexuierung konzipieren, ohne auf den Ödipuskomplex, den Vater oder die Kastration Bezug zu nehmen?
Die Antwort ist einfach: Es ist der Trieb – ein Trieb, der Arrangements finden kann, aber ohne dass jemand ihn steuert (wie der Name-des-Vaters, ob im Singular oder im Plural), und bei dem nicht der Mangel (ja die Kastration) das Begehren bestimmt, sondern nur in bestimmten spezifischen Fällen das Phantasma. Ja, wir können es fortan unumwunden behaupten: Man kann jenseits des Mangels begehren – aus Freudscher Sicht beginnt das Begehren mit seiner Befriedigung.«
»Was, wenn die Transidentität ein wunderbares Beispiel für ein glückliches Symptom wäre? Daraus lässt sich gewiss keine so allgemeine Schlussfolgerung ziehen, doch wir können immerhin behaupten, dass die Erfindungen des Geschlechts – queere, trans und nichtbinäre – sicherlich zu den originellsten und kreativsten Weisen gehören, mit dem eigenen Symptom umzugehen.«
»Wenn es der Kur nicht gelingt, den Trieb einzudämmen, so kann sie dennoch dazu beitragen, einen gewissen Rhythmus unter den einander entgegenwirkenden Kräften herzustellen. Es geht darum, ein erträgliches Wechselspiel zwischen Abwehr und Exzess zu stützen – ein Wechselspiel, das zur Bildung des Symptoms führen kann und in der Folge zu dessen ›glücklicher‹ Verwandlung.«
»Die Neurose ist unbestreitbar eine besondere Form von Gesundheit – aufgrund ihrer Plastizität gegenüber den eigenen Normen. Die Neurose ist stets instabil: Wie wir gesehen haben, kommt und geht das Symptom, und das Subjekt muss sich lediglich an die Variabilität seines Begehrens gewöhnen, sich mit ihr arrangieren. Es ist immer eine Frage des Rhythmus. Neue vitale Normen zu errichten bedeutet auch, neue Triebrhythmen innerhalb der Begehrensstruktur des Subjekts zu finden.«











